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Unter diesem Titel lud die SPD zu einer hochrangig besetzten
Podiumsdiskussion in die Dorfschänke ein. 2 Mitglieder des Bundestags,
Prof. Gert Weisskirchen und Lothar Mark, die baden-württembergische
Spitzenkandidatin der SPD für die Europawahl, Evelyne Gebhardt, und von
der katholischen Arbeitnehmerbewegung, Prof. Dr. Herbert Schweizer
erklärten ihre Sicht der Dinge um die weltweite Finanz- und
Wirtschaftskrise.
Nach der Begrüßung der Anwesenden durch unseren
Ortsvereinsvorsitzenden Dr. Matthias Horn analysierte Gert Weisskirchen
die historische Entwicklung unseres Wirtschaftssystems. In den frühen
Jahren der Bundesrepublik war man sich übereingekommen, dass dem
Kapitalismus in seiner Reinform Zügel angelegt werden müssen. Auf Druck
des Finanzkapitals und den marktliberalen und –radikalen „Vorbildern“
Ronald Reagan und Margret Thatcher folgend wurden diese Zügel immer
länger. Versuche von SPD Seite diesem Treiben Riegel und Regeln vor zu
schieben, wurden von denen, die angeblich etwas von Wirtschaft verstehen
als Behinderung des Marktes und daher als überflüssig abgetan. Die
De-Regulierung der Wirtschaft und des Kapitalmarktes begünstigte aber den
Zusammenbruch vieler Banken in jüngster Zeit. Jetzt stehen wir vor einem
Scherbenhaufen. Diejenigen die Jahrzehnte lang die Schwächung des Staates
verfolgten, rufen jetzt den Staat zu Hilfe. Und das heißt nichts anderes
als das Geld der Steuerzahler muss mal wieder herhalten. Gewinne werden
privatisiert, Verluste sozialisiert.
Wie können nun die
Gegenmaßnahmen des Staates aussehen?
Nach dem britischen Ökonomen
John Maynard Keynes soll der Staat in einem volkswirtschaftlichen
Ungleichgewicht seine Ausgaben erhöhen und zwar am besten, indem er in die
Infrastruktur des Landes investiert. Davon verspricht man sich eine höhere
gesamtgesellschaftliche Rendite in der Zukunft.
Eine zweite
Maßnahme ist das „wegregulieren“ systemischer Fehler. Dies macht aber die
Abstimmung der Nationalstaaten in der EU oder gar weltweit unbedingt
erforderlich.
Nach diesem Eingangsreferat erläuterte die
Europaabgeordnete Evelyne Gebhardt ihre Sicht der Geschehnisse. „Diese
Krise ist nicht vom Himmel gefallen, sie war absehbar!“ Bei utopischen
Renditeversprechungen von 25% musste man sich schon fragen, wer diese
Gewinne denn erwirtschaftet.
Schon nach dem Platzen der
Informationstechnologie Blase waren es Sozialdemokraten, die eine stärkere
Regulierung der Finanzmärkte forderten. Aber es ist nichts geschehen, weil
die Mehrheitsverhältnisse im Europaparlament eben sind wie sie sind. Erst
die momentane Krise hat gezeigt, dass der Wirtschaftliberalismus
gescheitert ist.
Der erste Reflex die Krise abzuschwächen, waren
nationale Maßnahmen, deren Folgen in einer globalisierten Weltwirtschaft
nicht wirklich Aussicht auf Erfolg hatten, bzw. deren Konsequenzen
unabsehbar waren. Zum Glück konnte dies verhindert werden.
Darüber
hinaus erweist sich unsere Einheitswährung Euro in der Krise als ein
Stabilitätsanker. Nicht auszudenken welche Auswirkungen stark schwankende
Wechselkurse der einzelnen Währungen hätten, wenn sogar einzelne Staaten
am Rande der Zahlungsunfähigkeit standen. Weil ausländische Banken bei
Ausbruch der Krise ihr gesamtes Kapital abzogen, kamen viele Banken in
Zahlungsschwierigkeiten, da sie nicht mehr über genügend liquide Mittel
verfügten.
Nicht nur deshalb forderte Sozialdemokratische Partei
Europas zur besseren Abdeckung der Bankenkredite höhere Rücklagen. Leider
ist sie bisher an den Mehrheitsverhältnissen in Europa
gescheitert.
Ein weiterer Misstand ist, dass diese so genannten
Rating-Agenturen eigene Finanzpapiere auf den Markt werfen und diese auch
noch selbst bewerten dürfen. Welche Agentur wird sich denn selbst
schlechte Noten ausstellen? Hier muss die EU handeln.
Auch das
Thema Mindestbesteuerung von Unternehmen muss endlich einmal angepackt
werden. Innerhalb der EU gibt es eine abgestimmte Wirtschaftspolitik und
eine gemeinsame Währung, aber jedes Mitgliedsland betreibt seine eigene
Finanz- und Steuerpolitik. Hier wäre eine bessere Abstimmung von
Nöten.
Evelyne Gebhardt liegt aber eine gemeinsame Sozialpolitik
ganz besonders am Herzen. Die Auswirkungen der Politik müssen mehr vor dem
Hintergrund der sozialen Auswirkungen beleuchtet werden. Wir benötigen ein
soziales Europa!
„Es gibt ein Land, das von der globalen Finanz-
und Wirtschaftskrise nicht betroffen ist“, begann MdB Lothar Mark aus
Mannheim, um süffisant hinzuzufügen“ und das ist Nordkorea. Aber dieses
Land kann natürlich nicht unser Vorbild sein.“
Seit Jahrzehnten
beobachten wir die Globalisierung der Wirtschaft, aber die Politik hat
nicht angemessen darauf reagiert. Die Politik hätte sich genauso
globalisieren müssen wie die Wirtschaft, allen voran der Finanzsektor.
Vielleicht wäre aber auch alles viel glimpflicher abgelaufen, wenn es noch
richtige Unternehmer gäbe und nicht nur Manager. Ein Unternehmer handelt
verantwortungsbewusst seiner Belegschaft gegenüber. Für Manager zählen nur
Zahlen und Bilanzen. Um die Gewinnmarge immer mehr zu erhöhen, wird immer
mehr aus den Mitarbeitern herausgepresst. Die Motivation der Belegschaft
wird nicht mehr berücksichtigt, sondern nur noch kurzfristige
Gewinne.
Die derzeitige Krise ist in den USA entstanden und von
dort in den Rest der Welt exportiert worden. Im Platzen der
Immobilienblase hat sie ihren Ausgangspunkt. Auf welch tönernen Füßen die
amerikanische Immobilienwirtschaft stand, wird an folgendem Beispiel
deutlich. Eine Immobilie im Wert von 50.000 Dollar wurde für 500.000
Dollar versichert und diese Versicherungspapiere konnten dort für
1.000.000 Dollar von der Versicherung weiterverkauft werden. Aus den
anfänglichen 50.000 Dollar Realwert sind so 1.000.000 Dollar auf dem
Papier und ohne Gegenwert entstanden. Dass diese Finanzspekulationen
irgendwann in sich zusammenbrechen ist wohl jedem klar. Nachdem dieser
Immobilien- und Finanzsektor erst einmal ins wanken geraten ist, versuchte
jeder schnell noch zu retten, was zu retten war. Die Flucht in sichere
Anlagen begann. Für einige Banken war es aber schon zu spät. Sie verfügten
nicht mehr über genügend Mittel, um ihre eigenen Kredite zu bedienen. Da
jeder Bänker weiß wie er selbst arbeitet, traut er auch keinem anderen
Bänker. Und das ist die ganze Misere.
Auch Lothar Mark war der
Auffassung, dass der deutsche Steuerzahler nicht für die verseuchten
Papiere derer aufkommen darf, die die Krise verursacht haben.
Der
letzte Referent Prof. Dr. Herbert Schweizer von der katholischen
Arbeiterbewegung mahnte in seinem Vortrag an, dass es nicht nur Regeln
bedarf, sondern auch eines Kontrollsystems. Europa muss jetzt auch von
einem Wirtschaftsraum zu einem Sozialraum werden. Das Europa von heute ist
immer noch das Europa der Eliten. In diesem Zusammenhang begrüßt er, dass
die SPD ihre Grundwerte wieder neu aufgreift und anwendet.
Die
soziale Marktwirtschaft ist in einer Wachstumsperiode entstanden. Ihr lag
der Traum der immer währenden Prosperität zu Grunde. Aus diesem Traum sind
wir mittlerweile erwacht. Aber auch der Neoliberalismus ist gescheitert.
Seltsamerweise schlägt sich das noch nicht in den Umfrageergebnissen
einzelner Parteien wieder. Aber das wird sich schon noch
geben.
Thomas Schulze
(Erstellt: 22.05.2009)
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